Extremismusveranstaltung: Jesse verunsichert

Dass mehr als zwei Drittel seines Publikums auf der gestrigen Veranstaltung im Stasi-Museum KritikerInnen seiner Thesen waren, überraschte Eckhard Jesse sichtlich. Auch Moderator Heinz Eggert (CDU), sächsischer Innenminister a.D., kam seiner Rolle weniger nach, sondern verlegte sich aufs Kalauern. Der Referent und die VeranstalterInnen von Bürgerkomitee Leipzig e.V. und Evangelischem Arbeitskreis der CDU/CSU waren durch die kritischen Nachfragen nach Jesses antisemitischen Äußerungen offenbar aus dem Konzept gebracht. Die erste Unterbrechung gab es, als hinter dem Referenten ein Transparent mit den Worten „Möllemann-Hohmann-Jesse“ entrollt wurde. Als später dann auch noch die „Clowns-Army“ auftrat, Konfetti auf’s Podium streute und versuchte, Jesse einen Luftballon zu schenken, platzte den VeranstalterInnen der Kragen – der ebenfalls anwesende Kripo-Chef Matthias ließ seine Truppen einschreiten. Die Clowns wurden mit der üblichen Polizeigewalt abgeführt, es kam zum Tumult. Weil niemand mehr zuhörte, musste Jesse sich wieder hinsetzen, 10 Minuten später verließen die meisten KritikerInnen dann den Saal.
Der war dadurch allerdings peinlich leer geworden. Und selbst dann waren die meisten Wortmeldungen kritische. Lediglich Felix Menzel vom Chemnitzer rechten Jugend-Blog „Blaue Narzisse“ versuchte einsam, sich bei Jesse anzubiedern. Ein inhaltliches Konzept war beim Referenten Jesse am Ende nicht mehr zu erkennen, er verstrickte sich schließlich in dreifachen Verneinungen und Verwässerungen seiner Thesen zu beinahe schrulliger Widersprüchlichkeit.

Hier die Pressemitteilung der Initiative zu den Vorgängen:

Leipzig, den 15.05.08

Pressemitteilung

- 80 Menschen protestierten heute vor und in der »Runden Ecke« vehement gegen den Extremismusforscher Eckhard Jesse
- Anstelle der Kriminalisierung antifaschistischen Engagements forderten die Jesse-KritikerInnen jede Unterstützung in der Konfrontation mit Antisemitismus, Rassismus und Nazi-Ideologien
- Initiative gegen jeden Extremismusbegriff und ein breites UnterstützerInnen-Umfeld kritisieren weiterhin alle extremismustheoretischen Ansätze und deren Einflussnahme auf Landes- und Bundespolitik

Die Initiative gegen jeden Extremismusbegriff (INEX) protestierte heute am späten Nachmittag gegen die Veranstaltung »Politischer Extremismus und seine Wahrnehmung in Deutschland. Die langen Schatten der Vergangenheit« des Bürgerkomitees Leipzig e.V. und des Evangelischen Arbeitskreis der CDU mit Prof. Eckhard Jesse in der Runden Ecke/Leipzig.
Der umstrittene Extremismusforscher Eckhard Jesse hat sich nicht nur durch die Etablierung des fragwürdigen Extremismusansatzes einen Namen gemacht, sondern auch durch die Zusammenarbeit mit Vertretern der Neuen Rechten und eigenen antisemitischen Aussagen. Vor kurzem hatte er in einem Interview mit der Leipziger Volkszeitung (05.05.08) den designierten Kulturminister Krause aus Thüringen verteidigt, obwohl dieser wegen seiner Mitarbeit in braunen Medien wie der Jungen Freiheit und der Zeitschrift Etappe in die Kritik geraten war.
»Hintergrund des Protestes ist allerdings nicht in erster Linie die Personalie Jesse« so Till Sommer, der Sprecher der Initiative, »sondern die zunehmende Einflussnahme extremismustheoretischer Positionen auf u.a. jugend- und kulturpolitische Entscheidungen.« Die Extremismusthese ist wissenschaftlich falsch und politisch gefährlich. Zahlreiche Studien renommierter Forscher wie z.B. Oliver Decker und Elmar Brähler beweisen, dass rechte Einstellungen in der gesamten Bevölkerung der BRD vorhanden sind. Die Einteilung der Gesellschaft in »Mitte« und »Ränder« ist nicht nur empirisch falsch, sie verhindert auch die effektive Bekämpfung nazistischer Einstellungen und Organisationen. Außerdem verharmlost die Gleichsetzung so
genannter »linker« und »rechter Extremisten« das Naziproblem in der BRD und diffamiert zivilgesellschaftliches antifaschistisches Engagement
Till Sommer, Sprecher der INEX, die vor kurzem einen »Offenen Brief gegen jeden Extremismusbegriff« veröffentlichte, kritisierte heute weiterhin: »Es ist skandalös, dass Jesse, dessen geschichtsrelativierende und die Shoah verharmlosende Äußerungen bereits mehrmals Stein des Anstoßes waren, Länderministerien und Bundesbildungseinrichtungen berät und damit seinen Einfluss geltend machen kann. Dies erklärt zumindest, wieso in weiten Teilen Sachsens solch gravierende Demokratiedefizite in Sachen antifaschistischer Alltags-Kultur bestehen«

Initiative gegen jeden Extremismusbegriff