Zur Rücknahme eines Interviews auf „Endstation Rechts“

Die Initiative gegen jeden Extremismusbegriff (Inex) hat nach längerem Hin und Her ein Interview mit Mathias Brodkorb, Autor der Seite Endstation Rechts (ER), zurückgezogen.
Folgend möchten wir den Lauf der Dinge transparent machen – nicht weil ER tobt und in 24 Stunden nach Absage drei Artikel auf der eigenen Homepage veröffentlicht, in denen es irgendwie um Inex geht, sondern weil unsere (Nicht-)Teilnahme an den so genannten Extremismuswochen zu einigen Irritationen geführt zu haben scheint.

Anfang März 2010 bat uns Mathias Brodkorb um ein Interview. Anlass war unser Aufruf „Gemeinsam gegen jeden Extremismus? Nicht mit uns!“. Als eine von vielen Anfragen wurde die Webseite Endstation Rechts oberflächlich in Augenschein genommen, als nicht sonderlich reflektierte Anti-Nazi–Arbeit wahrgenommen und dennoch entschieden, dort unsere Position zu vertreten. Das Interview wurde mit einem Vertreter unserer Gruppe per Mail geführt und abschließend in Gänze von uns autorisiert.

Vor zirka drei Wochen erfuhren wir dann von der Veröffentlichung des Interviews im Rahmen einer ER-Extremismus-Themenwoche – jedoch nicht von Brodkorb selbst, sondern durch einen Blick auf die Webseite. In seiner Extremismus-Themenwoche will Brodkorb ein pluralistisches – wie er es nennt – Bild vom Diskurs um den Begriff des Extremismus bieten. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit Brodkorbs Verständnis von Pluralismus können und wollen wir im Folgenden nicht bieten. Jedoch stört sich seine Vorstellung von Pluralismus nicht daran, dass er eine systematische Darlegung der affirmativen Positionen ermöglicht, während er begriffs- und systemkritischen Beiträgen in Form von Interviews einen klaren, durch Fragen beschränkten Rahmen setzt.

Not amused vereinbarten wir die Veröffentlichung einer Erklärung, die verdeutlichen sollte, dass wir von einer Publikation unseres Interviews im Kontext der Extremismuswochen nichts wussten. Trotz dieser Umstände hielten wir es weiterhin für wichtig unsere kritische Position auf der Homepage Endstation Rechts zu veröffentlichen.
Bis dahin setzten wir uns weder mit anderen Artikeln noch irgendwelchen Kritiken an Brodkorb und ER auseinander. Auch erste Sensibilisierungsversuche durch Menschen, die sich schon länger kritisch mit ER und deren politischen Außenwirkungen beschäftigten nahmen wir kaum ernst, waren wir doch überzeugt, dass eine parteiabhängige Seite wie ER uns in vielen Inhalten und Begriffen gegen den Strich laufen „muss“.
Und nun, Anfang Juni, haben wir unser Interview zurückgezogen.

Zu dieser Entscheidung hat uns eine informationsreiche Mail bewogen, deren Autoren uns gleichzeitig um eine Stellungnahme baten. Dieser Email folgte unsere späte Einsicht, sich doch genauer mit der Materie zu beschäftigen und letztlich unser Interview zurück zu ziehen.
Ein Grund für diese Entscheidung ist die fehlende Distanz Brodkorbs zu (Neuen) Rechten in einigen seiner Beiträge auf Endstation Rechts als auch seine diffamierende Einstellung gegenüber antifaschistischen Gruppen.

Im folgenden dokumentieren wir drei Beispiele:
1. Brodkorb und die Relativierung des Holocaust
Brodkorb bot einem Greifswalder Professor ausführlich Raum, den Holocaust in seiner Singularität mit dem „Rotz in [dessen] Taschentuch zu vergleichen“:
„Neben der These, dass der Holocaust nicht unvergleichlich sei, behauptet Flaig zudem, dass dessen vermeintliche Singularität einer Banalität gleichkomme: „Rein logisch ist alles Existierende singulär, weil die Bedingungen des Existierens für zwei Dinge unmöglich dieselben sein können, ja weil diese Bedingungen sich für ein und dasselbe Ding bereits geändert haben, während ich diesen Satz schreibe. Doch wenn ich wissen will, in welcher Hinsicht etwas singulär ist, dann komme ich nicht umhin zu vergleichen. Wer wird bestreiten, daß das Warschauer Ghetto »singulär« war? Aber jede einzelne Krankheit meines Großvaters war es ebenso. Sogar der Rotz in meinem Taschentuch ist singulär…“, bringt Flaig seinen Standpunkt mit polemischem Unterton auf den Punkt.“
Im Grunde dient der gesamte Artikel der Verteidigung des Professors und gleichzeitig wird dafür geworben, derlei Aussagen nicht gleich in die “rechte Ecke” zu stellen. Eine Kritik an Flaigs Argumentation gegen einen angeblichen „moralischen Terror“ oder eine „Holocaust-Inquisition“ wird zwar in einem Nachtrag geliefert, ist jedoch stark relativiert, indem Brodkorb die Darstellung Flaigs als „wissenschaftlich“ und „respektabel“ würdigt.
„Flaig stellt respektable wissenschaftliche Thesen auf, die einem nicht gefallen müssen.[…] Es macht einen gehörigen Unterschied, ob ein Wissenschaftler um historische Wahrheit und Objektivität bemüht ist“.

2. Brodkorb und sein Forum für rechtes Gedankengut und deren VertreterInnen
Immer wieder – fast permanent – bot ER Rechten virtuellen Raum ihre geistigen Sümpfe auszuweiten. So geschehen z.B. in einem Interview mit Jürgen Elsässer.
Brodkorb lobte zuvor Elsässers Buch zum Nationalstaat, in dem der Nationalstaats als Schutz des einfachen Mannes vor den Heuschrecken des Finanzkapitals funktioniert. „Lesenswert und erfrischend sind seine [Elsässers] Gedanken allemal.“, konstatierte Brodkorb. Etwa einen Monat später bot Brodkorb Elsässer selbst die Möglichkeit, seine antisemitische und völkische Nationalstaatspropaganda in einem Interview auszubreiten:
„Wir wollen die Arbeiterklasse gegen den Angriff der finanzkapitalistischen Heuschrecken, gegen den Hyper-Imperialismus der Globalisierung verteidigen.“ Später heißt es dann: „Es gibt nun einmal derzeit keine bessere Schutzmacht für die Lohnabhängigen als den nationalen Sozialstaat.“
„National[er] Sozialstaat“? Keine der im Interview folgenden Fragen zeugt auch nur im Geringsten davon, dass Brodkorb ein Problem mit derartigen Formulierungen hat. Lediglich ein Hinweis, dass die Redaktion den Standpunkt nicht teilt, der erst im Nachhinein an das Interview angefügt wurde, soll eine gewisse Distanz wahren – eine inhaltliche Kritik bleibt ER uns schuldig.

3. „Endstation Rechts“ – Anti-Extremismus gegen Links?
Fragwürdig wurden Veröffentlichungen auf ER auch, wenn pauschal gegen Linke gewettert wurde. Im Fall rechter Agitationen „halten“ Brodkorb und Kollegen „nichts davon, die von der Verfassung vorgesehenen Grenzen zwischen Rechtsextremen und Rechtsradikalen bzw. Rechtskonservativen zu verwischen“. Bei Linken kann das dann schon mal ganz anders aussehen: „Wer den ‚Kampf gegen Rechts’ aufmerksam beobachtet, wird ihn überall registrieren: eben diesen sozialistischen Wettbewerb um die Frage ‚Wer ist eigentlich der antifaschistischste Antifaschist?’ Es gewinnt, wer die meisten Kerben in seine Küchentischlatte hauen kann: Für jeden ‚Nazi’, den man ausgehoben, für jeden ‚Skandal’, den man aufgedeckt oder insinuiert hat, gibt es wieder ein paar zusätzliche Karma-Punkte.“
Der ganze Artikel liest sich wie eine Bewerbung bei Eckhard Jesse und dessen Freunden um einen Platz im Team der Anti-Antifaschisten.
Abgesehen von diesen Beispielen finden sich auf ER regelmäßig wohlwollende Rezensionen von Büchern neu-rechter Verlage, und Brodkorb selbst stand dem neu-rechten Web-Blog »Das Gespräch« gern für ein Interview zur Verfügung. Zusammengefasst: Bei Brodkorb geht die Affirmation rechter Positionen ganz folgerichtig mit Diffamierung und Denunziation linker Gruppen Hand in Hand.

Zum Abschluss und um weitere mögliche Missverständnisse zu vermeiden, hier kurz und knapp die Begründungen für unsere Entscheidung, Mathias Brodkorb kein Interview innerhalb der Extremismuswochen bei ER zur Veröffentlichung freizugeben:

1.Brodkorb und ER können über die Extremismusformel denken (oder besser schwadronieren) was und wie sie wollen, das ist für uns kein Grund nicht mit ihm zu diskutieren – aber bei beschriebener Unterstützung von (neu-)rechtem Gedankengut endet unsere Diskussionsbereitschaft.
2.Wir erklären uns mit linken Gruppen aus Mecklenburg-Vorpommern solidarisch, die seit langem gegen ER andiskutieren und -schreiben. Das soll mit unserem Rückzug des Interviews und der damit einhergehenden Distanzierung klar gemacht werden. Wir werden keine Alibi-Funktion für Brodkorbs Schein-Pluralismus erfüllen. Hier kann mensch einmal mehr sehen, wohin die Politik des „Antiextremismus“ führt – zur Verharmlosung von Nazis und Diskreditierung linken, antifaschistischen Engagements.
Und 3. Entgegen den Verschwörungsvermutungen eines Herrn Brodborb, der „kaum glauben“ kann, dass eine Gruppe wie Inex so schlecht informiert ist darüber wie ER „seit Jahren mit dem Thema ‚Rechtsextremismus’“ umgeht sei gesagt: Nein, hinter unserem Handeln steckte kein Plan – es war schlicht und einfach durch Desinformiertheit geprägt. Dies ist unserer Faulheit, Naivität, anfänglicher Beratungsresistenz und Priorisierung anderer Sachen, die uns derzeit beschäftigen, geschuldet. Diese Kritik nehmen wir an.

Inex, 4.6.2010