Das Ende des Kommunismus

Veranstaltungsreihe der Gruppe INEX zur linken Kritik am Stalinismus. 11. Oktober – 23. November 2010
Das 20. Jubiläumsjahr des Mauerfalls und des Zusammenbruchs des Realsozialismus waren nicht nur Anlass, die Geschichte einer modernen Nation zu etablieren, in der Demokratie, Freiheit und Wohlstand gesiegt hatten. Sie waren auch Anlass, die Geschichte der Delegitimierung der kommunistischen Idee fortzuschreiben. Dabei ist man heute scheinbar keinen Schritt weiter als zu Zeiten des Kalten Krieges. Mit den Stichworten »Misswirtschaft«, »Repressionsapparat« und »Terror« scheint der Stalinismus ausreichend beschrieben. Und Unterscheidungen zwischen Marx und Stalin, zwischen Marxismus, Leninismus und Stalinismus sind nicht nötig, solange der Kurzschluss, den stalinistischen Terror aus den Lehren von Marx und Engels abzuleiten, noch gelingen mag. Doch selbst wenn man davon ausgeht, »Marx hätte sich mit Grausen abgewandt«, Lenin hätte etwas anderes im Sinn gehabt, als er von der »Diktatur des Proletariats« sprach und Stalin sei nicht mehr als ein despotischer Herrscher gewesen, ist damit für eine linke Perspektive wenig gewonnen. Es erklärt nicht, warum die Revolution von 1917 in den stalinistischen Terrorwellen gipfelte, denen selbst StalinistInnen zum Opfer fielen. Es erklärt nicht, warum noch die schlimmsten Auswüchse des Stalinismus durch die letztendlich »gute Sache«, oder mit den Gesetzen der Geschichte, denen sich die RevolutionärInnen zu unterwerfen hatten, gerechtfertigt werden konnte. Und schließlich erklärt es auch nicht, warum das Sowjetmodell dem Regime des Kriegskommunismus und der Parteibürokratie weichen musste, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch in den so genannten Satellitenstaaten etablierte. In der Veranstaltungsreihe »Das Ende des Kommunismus« wird sowohl den Grundlagen, Wandlungen und Deformationen kommunistischer Ideen nachgegangen als auch gefragt, in welchem Zusammenhang diese mit dem Stalinismus und dem Realsozialismus stehen.
In den einzelnen Veranstaltungen werden die Geschichte der kommunistischen Revolution, des Stalinismus und des Realsozialismus nach ihrer Relevanz für die Gegenwart linker Entwürfe von Befreiung überprüft. Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die Hoffnung und der Wille, dass das Ende des Realsozialismus und damit der Sieg des westlichen Kapitalismus nicht das Ende der Geschichte bedeutet. Gleichzeitig sind der Stalinismus und selbst der Realsozialismus nicht als Betriebsunfälle des kommunistischen Fortschritts oder der kommunistischen Idee zu verstehen. Sie sind diejenigen historischen Formen, die aus dieser Idee der Befreiung des Menschen und der Menschheit hervorgegangen sind.
Daher ist zunächst zu problematisieren, wie aus der Idee der Befreiung die Praxis der Unterdrückung bis hin zu offenem Terror entstehen konnte. Unbestritten steht dabei der »Archipel Gulag« als Synonym des umfassenden Repressionssystems der Sowjetunion und brutalste Form gesellschaftlicher Zurichtung und Entmenschlichung zur Diskussion. Aber auch die Reproduktion antisemitischer, ethnizistischer und nationalistischer Denkmuster sowie die Kontinuitäten geschlechtlicher Disparitäten, gesellschaftlichen Zwangs, ökonomischer Ausbeutung und staatlicher Unterdrückung müssen analysiert werden, um den Realsozialismus zu verstehen.
Des weiteren ist auch zu fragen, ob nicht bestimmte Elemente dieser Idee der Befreiung ihre scheinbar spätere Verzerrung folgerichtig nach sich zogen. Für eine Linke, die sich die Befreiung des und der Menschen, die Emanzipation oder den Kommunismus auf die Fahnen geschrieben hat, scheint uns diese Auseinandersetzung unabdingbar.
Ziel dieser Veranstaltungsreihe ist es, den Widerspruch zwischen dem Realsozialismus und den Vorstellungen einer emanzipierten Gesellschaft aufzuzeigen. Im Zentrum aller Veranstaltungen stehen die Fragen danach, wie dies einfach so geschehen konnte und was diese Entwicklung heute für eine radikale Linke bedeutet. Sie laufen damit auf die verstörende und fundamentale Frage zu, ob es überhaupt einen Kommunismus geben kann, der weder stalinistisch noch realsozialistisch ist.

Programm zur Stalinismus-Veranstaltungsreihe Herbst 2010