Archiv für Oktober 2010

Weltrevolution in einem Land verschoben

- und zwar nicht nur historisch betrachtet: Leider muss die dritte Veranstaltung unserer Reihe zur linken Kritik des Stalinismus, „Weltrevolution in einem Land“, am 3.11.2010 ausfallen. Sie wird auf einen späteren Termin verschoben, über den wir zu gegebenem Zeitpunkt hier, per Mail und Flyer informieren werden. Sorry.

Herrschaft durch Terror – Teil 2 der Reihe zur Kritik des Stalinismus

Die RevolutionärInnen der Oktoberrevolution waren mit dem Ziel angetreten, eine bessere Gesellschaft frei von Unterdrückung, Armut, Ungerechtigkeit und Ungleichheit aufzubauen. Der gängigen Argumentation folgend macht es die ökonomische und gesellschaftliche Rückständigkeit Russlands der, in der Folge der Revolution gegründeten, Regierung der Kommunistischen Partei allerdings unmöglich, ihre emanzipatorischen Pläne in die Tat umzusetzen. Fest stand aber, dass es nicht in Frage kam, die einmal errungene Macht wieder abzugeben. So wurde zur Bekämpfung der KonterrevolutionärInnen die Tscheka gegründet, die bald zum dauerhaften Instrument der Machtsicherung durch Terror wurde. Die »Säuberungen« trafen schließlich den eigenen Parteiapparat, inklusive dessen glühendste AnhängerInnen und erstreckten sich auf die gesamte Gesellschaft – auf Jüdinnen und Juden, ukrainische Bäuerinnen und Bauern und auf viele andere, die meist aus nichtigen Gründen oder ohne Grund zu Opfern wurden. Diese wurden in der Regel nicht nur ausgeschlossen, sondern in Schauprozessen verurteilt, inhaftiert oder ermordet. Des Weiteren hatte die KP bereits 1918 begonnen, ein ZwangsarbeiterInnenlager-System (Gulag) zu errichten, das unter Stalin verstärkt ausgebaut wurde und dazu diente, unliebsam gewordene Personen zu internieren. Doch waren die Gulags nicht nur Terrorinstrument, sondern auch Wirtschaftsgiganten, spielten sie, beziehungsweise die ZwangsarbeiterInnen, spätestens seit Ende der zwanziger Jahre für das Erreichen der wirtschaftlichen Ziele eine entscheidende Rolle.
Es ist schwer zu verstehen, dass ein System, das für die Befreiung des Menschen stehen will, sich willkürlich gegen eben diese wendet. Noch unverständlicher ist es, dass der Terror zu jeder Zeit praktisch jede/n treffen konnte. Begeisterte, ja fanatische AnhängerInnen des Systems wurden genauso zu Opfern, wie Personen, die soeben noch selbst Teil der Verfolgungsmaschinerie gewesen waren.
Dies führt zu der Frage nach der Funktion des Terrors. Lassen sich verschiedene Beweggründe für die einzelnen Opfergruppen oder einzelne Verfolgungswellen und –konjunkturen auffinden, oder bestand die Funktion vielleicht eher im Terror an sich ohne spezifische Gründe und Opfer?

Diskussionsveranstaltung mit Christoph Jünke
28. Oktober 18.30 Uhr

Universität Leipzig, WiWi-Fakultät (Grimmaische Str. 12), Seminarraum 3 (I 123)

Eröffnung der Stalinismus-Veranstaltungsreihe

Am 11. Oktober startet unsere Veranstaltungsreihe zur Kritik des Stalinismus. Thema:

Die Befreiung von der Knechtschaft?

Der revolutionäre Standpunkt des 20. Jahrhunderts war von der Einsicht in die Notwendigkeit eines grundlegenden Umsturzes geprägt, der die Menschheit dem Diktat der kapitalistischen Akkumulation entreißt, weil erst dann die Befreiung des Menschen möglich wäre. In der offiziellen Weltanschauung der Sowjetunion setzte sich die Annahme durch, dass dies wiederum nur mit Hilfe eines politisch beschlossenen und durchgesetzten Plans zu erreichen wäre. Die Folgen sind durch die vielzählig entstandenen Planungsbürokratien unter der Diktatur der kommunistischen Parteien weitestgehend bekannt: Die Teilhabe der arbeitenden Klasse an den Produktionsmitteln verkam zur propagandistischen Farce, während die Reglementierung des wirtschaftlichen und politischen Lebens immer umfassender wurde. Bereits Lenin wich von der marxschen Auffassung der kommunistischen Bewegung als »selbständiger Bewegung« ab. Stattdessen sollte die Partei als Avantgarde – als »Vorhut der Arbeiterklasse« – stellvertretend die Diktatur des Proletariats durchsetzen und die Revolution durchführen. Der Sinn der Eroberung der staatlichen Macht sei lediglich die Verwaltung der Produktionsmittel und die notwendige Unterdrückung der einst herrschenden Klasse. Schließlich sollte der in einer Übergangsphase noch existierende Staat die vollkommenste Form der Demokratie darstellen.
Neben der Niederschlagung des Kronstädter Aufstands der Matrosen gibt es unzählige Beispiele, die zeigen, dass staatliche Repressionen schon unter der Führung Lenins weit über den »Klassenfeind« hinausreichte. Die Befreiung des Menschen von der Knechtschaft war schon bei Marx mit der Abschaffung des bürgerlich-kapitalistischen Individuums verbunden. Mit dem Fortschreiten der kommunistischen Revolution wurde hieraus mehr und mehr die Abschaffung von Individualität, die Zerstörung des Individuums und schließlich die Entrechtung, Unterdrückung und Ermordung von Millionen Menschen im Stalinismus.
Sind damit diese Entwicklungen der Parteidiktatur und der Auflösung der Individuen in den marxschen Grundlagen vielleicht schon angelegt? Wurde Marx von seinen Nacheiferern vielleicht weder missverstanden, noch – wie man immer wieder hört – »missbraucht«?
Vor diesem Hintergrund ist es besonders problematisch, dass gerade in den letzen Jahren der Leninismus immer dann Auftrieb bekam, wenn es um die Frage einer übergreifenden politischen Bewegung ging. Linke Theoretiker wie Slavoj Žižek und Alain Badiuo wollen mit Bezug auf Lenin eine unzweideutig radikale Position einnehmen. Der provozierende, »gegen seine liberalen Verleumder« gerichtete Rekurs auf Lenin sei dem »unbedingten Willen« geschuldet die Situation auch wirklich grundlegend zu verändern. Nach den Erfahrungen des Verlaufs der Revolution muss sich jedoch zwingend die Frage gestellt werden, ob die – in Rückgriff auf Lenin – Eroberung der Macht zur radikalen Umwälzung der Verhältnisse nicht zwangsläufig zur Verewigung von Machtverhältnissen und Unterdrückung führt.

Diskussionsveranstaltung mit Diethard Behrens
Montag 11. Oktober 2010 Conne Island, Koburger Str. 3, 19:30 Uhr
Diethard Behrens ist Autor zahlreicher Publikationen zum Marxismus, Mitbegründer der Karl-Marx-Gesellschaft und Lehrbeauftragter der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/M.

Übersicht zur Reihe „Ende des Kommunismus“

Eine Übersicht über die einzelnen Veranstaltungen unserer Reihe zur Kritik des Stalinismus

»Die Befreiung von der Knechtschaft?« mit Diethard Behrens
Montag 11. Oktober 2010, Conne Island, Koburger Str. 3, 19:30

»Herrschaft durch Terror« mit Christoph Jünke
Donnerstag 28. Oktober 2010, Veranstaltungsort: folgt noch

»Wie kapitalistisch war der Sozialismus?« mit Rüdiger Mats
Mittwoch 10. November 2010, Uni Leipzig – GWZ, Beethovenstr. 15, Raum 2.010 18:30

»Von der Revolution der Geschlechterordnung zum Mütterchen Russland« mit Bini Adamczak
Mittwoch 17. November 2010, Conne Island, Koburger Str. 3 19:30 Uhr

»Das Ende des Kommunismus« mit Alex Demirović, der Gruppe [pæris] und der Initiative gegen jeden Extremismusbegriff
Dienstag 23. November 2010, Conne Island, Koburger Str. 3 19:30 Uhr

Die Veranstaltungsreihe wird durch den Stura der Uni Leipzig und die Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.