Von der Revolution der Geschlechterordnung zum Mütterchen Russland

Teil 4 unserer Reihe zur Kritik des Stalinismus

1918 verabschiedete die KP die zu dieser Zeit fortschrittlichste Familiengesetzgebung
der Welt, die zum Beispiel das Recht auf Abtreibung und Scheidung beinhaltete. Auch wurde Homosexualität legalisiert und die Menschen konnten zumindest in den Städten ihre Sexualität ungezwungener ausleben. Um die Gleichstellung der Frauen und Männer herzustellen, wurde 1919 das Schenotdel etabliert – eine Art Behörde, die sich der Revolutionierung der Geschlechterordnungen verschrieben hatte. Dessen Aufgabe war es, die Frauen aus ihrer angeblich historisch bedingten Rückständigkeit herauszuführen. Doch Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre begann die Regierung unter Stalin die sexuellen Freiheiten massiv einzuschränken und Homosexualität erneut unter Strafe zu stellen. Das Schenotdel wurde aufgelöst, die Frauenfrage für gelöst erklärt und entgegen der Ansätze der frühen zwanziger Jahre wurden spätestens mit der Familiengesetzgebung 1936, in der die Abtreibung verboten und der Ausbau der materiellen Hilfen für kinderreiche Familien beschlossen wurde, traditionelle Familienbilder propagiert. Damit kehrte schließlich auch die klassische Mutterrolle zurück und wurde zur dominanten Form weiblicher Identität.
Hat die KP die sexuelle Freiheit im Sinne individueller Freiheit als eine Bedrohung ihrer eigenen Macht- und Kontrollposition empfunden? Oder gab es anfangs eine gemeinsame Wahrnehmung der Unterdrückung, die die Beteiligung nahezu aller unterdrückten Schichten und Individuen an der Revolution ermöglichte und sich im Prozess der Etablierung der Macht wieder ausdifferenzierte? Oder waren die frühen, scheinbar fortschrittlichen Ideen, gar nicht mehr als die größtmögliche Mobilisierung aller benachteiligter Gesellschaftsschichten zur Eroberung der politischen Macht?
Welche Konzepte existierten, die Familie neu zu denken? Gab es zum Beispiel eine Vergesellschaftung der Hausarbeit und Kindererziehung, welche Frauenbilder wurden diskutiert? Wieso setzt sich das traditionelle Ideal wieder durch? Und wie ist der Kampf um die Emanzipation der Frau und die sexuelle Befreiung im Vergleich zu anderen, beispielsweise westlichen, Ländern zu betrachten?

Diskussionsveranstaltung mit Bini Adamczak
Mittwoch 17. November 2010, Conne Island. Koburger Str. 3, 19:30 Uhr

Bini Adamczak ist Autorin zu Themen des Kommunismus und queerer Sexualität. Von ihr erschien u.a. beim Unrast Verlag »Gestern, Morgen – Über die Einsamkeit kommunistischer Gespenster und die Rekonstruktion der Zukunft«