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Wie kapitalistisch war der Sozialismus? Teil 3 der Veranstaltungsreihe zur linken Kritik des Stalinismus

Der Realsozialismus wurde bis ans Ende seiner Tage als logische Konsequenz des marxschen Sozialismusmodells, als eine notwendige Übergangsgesellschaft betrachtet, weil der Kommunismus nicht unmittelbar zu erreichen war. In der Phase revolutionärer Umgestaltung seien zwar noch nicht alle Merkmale der bürgerlichen Gesellschaft überwunden, aber das Privateigentum an Produktionsmitteln und damit die Ausbeutung sollten bereits weitgehend aufgehoben sein.
Ob in der Sowjetunion überhaupt so etwas wie Sozialismus existierte, hängt nicht zuletzt von der Frage ab, ob sich der Charakter der Produktion verändert hat und ob sich von den Grundlagen der kapitalistischen Produktion tatsächlich verabschiedet wurde. Lenin schrieb selbst »Der Sozialismus ist nichts anderes als das staatskapitalistische Monopol, das zum Nutzen des ganzen Volkes angewandt wird und insofern aufgehört hat, kapitalistisches Monopol zu sein«.
In diesem Sinne übernahm der sozialistische Staat die Planung der konkreten Arbeit für etwas abstraktes Allgemeines: Zum »Wohl der Arbeiterschaft« wurde die Gesellschaft in ein einheitlich agierendes Nationalkapital verwandelt. Der Staat blieb die Instanz, die über das Maß und den Wert der Arbeit, den gerechten Lohn und über die zu produzierenden Waren entschied. Der Realsozialismus verstaatlichte die Produktionsmittel und ersetzte den kapitalistischen Wettbewerb durch den Plan. Wesentliche Grundelemente des Kapitalismus blieben damit jedoch erhalten: Der Druck zur Produktivität, die Bedeutung der Arbeit oder die Entfremdung der ProduzentInnen von ihren Produkten. Andere Elemente hatten sich entscheidend gewandelt. Dem Wegfall des indirekten Zwangs durch die kapitalistische Konkurrenz folgte der direkte Zwang der Planungsstellen und des sozialistischen Betriebs. Bestand im Kapitalismus wenigstens noch die Freiheit im Zwang, war im Realsozialismus sogar diese Freiheit suspendiert – der sozialistische Zwang wurde zur Freiheit verklärt.
Die freie Verfügbarkeit von Gütern und eine tatsächliche Vergesellschaftung der Produktionsmittel wurde in keinem sozialistischen Land je verwirklicht. Weder wurden der Staat abgeschafft, noch die kapitalistischen Produktionsbedingungen von Konkurrenz, Ausbeutung und Arbeitszwang.
Daraus folgt die Frage, wie die heutige kapitalistische Gesellschaft und Ökonomie in eine sozialistische transformiert werden könnte. Weder wird die hochentwickelte Produktion eine Aufhebung der Arbeitsteilung möglich machen können noch ist es ausgemacht, dass die hochkomplexe moderne Gesellschaft sich überhaupt von einer abstrakten Vermittlung (z.B. Wert und Geld) wird lösen können.
Damit stellen sich zwei grundlegende Probleme, denen in der Veranstaltung nachgegangen wird: Wie kapitalistisch war der Sozialismus? Und lässt sich eine gesellschaftliche Verkehrsform und Vermittlung, die die derzeitigen abstrakten Prinzipien von Wert und Geld überwindet, überhaupt denken und verwirklichen?

Diskussionsveranstaltung mit Rüdiger Mats
Mittwoch 10. November 2010 18:30 Uhr
GWZ, Raum 2.010, Beethovenstr. 15

Rüdiger Mats lebt in Leipzig und schrieb zuletzt für die Zeitschrift Phase 2 über das Scheitern des Realsozialismus.

Weltrevolution in einem Land verschoben

- und zwar nicht nur historisch betrachtet: Leider muss die dritte Veranstaltung unserer Reihe zur linken Kritik des Stalinismus, „Weltrevolution in einem Land“, am 3.11.2010 ausfallen. Sie wird auf einen späteren Termin verschoben, über den wir zu gegebenem Zeitpunkt hier, per Mail und Flyer informieren werden. Sorry.

Herrschaft durch Terror – Teil 2 der Reihe zur Kritik des Stalinismus

Die RevolutionärInnen der Oktoberrevolution waren mit dem Ziel angetreten, eine bessere Gesellschaft frei von Unterdrückung, Armut, Ungerechtigkeit und Ungleichheit aufzubauen. Der gängigen Argumentation folgend macht es die ökonomische und gesellschaftliche Rückständigkeit Russlands der, in der Folge der Revolution gegründeten, Regierung der Kommunistischen Partei allerdings unmöglich, ihre emanzipatorischen Pläne in die Tat umzusetzen. Fest stand aber, dass es nicht in Frage kam, die einmal errungene Macht wieder abzugeben. So wurde zur Bekämpfung der KonterrevolutionärInnen die Tscheka gegründet, die bald zum dauerhaften Instrument der Machtsicherung durch Terror wurde. Die »Säuberungen« trafen schließlich den eigenen Parteiapparat, inklusive dessen glühendste AnhängerInnen und erstreckten sich auf die gesamte Gesellschaft – auf Jüdinnen und Juden, ukrainische Bäuerinnen und Bauern und auf viele andere, die meist aus nichtigen Gründen oder ohne Grund zu Opfern wurden. Diese wurden in der Regel nicht nur ausgeschlossen, sondern in Schauprozessen verurteilt, inhaftiert oder ermordet. Des Weiteren hatte die KP bereits 1918 begonnen, ein ZwangsarbeiterInnenlager-System (Gulag) zu errichten, das unter Stalin verstärkt ausgebaut wurde und dazu diente, unliebsam gewordene Personen zu internieren. Doch waren die Gulags nicht nur Terrorinstrument, sondern auch Wirtschaftsgiganten, spielten sie, beziehungsweise die ZwangsarbeiterInnen, spätestens seit Ende der zwanziger Jahre für das Erreichen der wirtschaftlichen Ziele eine entscheidende Rolle.
Es ist schwer zu verstehen, dass ein System, das für die Befreiung des Menschen stehen will, sich willkürlich gegen eben diese wendet. Noch unverständlicher ist es, dass der Terror zu jeder Zeit praktisch jede/n treffen konnte. Begeisterte, ja fanatische AnhängerInnen des Systems wurden genauso zu Opfern, wie Personen, die soeben noch selbst Teil der Verfolgungsmaschinerie gewesen waren.
Dies führt zu der Frage nach der Funktion des Terrors. Lassen sich verschiedene Beweggründe für die einzelnen Opfergruppen oder einzelne Verfolgungswellen und –konjunkturen auffinden, oder bestand die Funktion vielleicht eher im Terror an sich ohne spezifische Gründe und Opfer?

Diskussionsveranstaltung mit Christoph Jünke
28. Oktober 18.30 Uhr

Universität Leipzig, WiWi-Fakultät (Grimmaische Str. 12), Seminarraum 3 (I 123)

Eröffnung der Stalinismus-Veranstaltungsreihe

Am 11. Oktober startet unsere Veranstaltungsreihe zur Kritik des Stalinismus. Thema:

Die Befreiung von der Knechtschaft?

Der revolutionäre Standpunkt des 20. Jahrhunderts war von der Einsicht in die Notwendigkeit eines grundlegenden Umsturzes geprägt, der die Menschheit dem Diktat der kapitalistischen Akkumulation entreißt, weil erst dann die Befreiung des Menschen möglich wäre. In der offiziellen Weltanschauung der Sowjetunion setzte sich die Annahme durch, dass dies wiederum nur mit Hilfe eines politisch beschlossenen und durchgesetzten Plans zu erreichen wäre. Die Folgen sind durch die vielzählig entstandenen Planungsbürokratien unter der Diktatur der kommunistischen Parteien weitestgehend bekannt: Die Teilhabe der arbeitenden Klasse an den Produktionsmitteln verkam zur propagandistischen Farce, während die Reglementierung des wirtschaftlichen und politischen Lebens immer umfassender wurde. Bereits Lenin wich von der marxschen Auffassung der kommunistischen Bewegung als »selbständiger Bewegung« ab. Stattdessen sollte die Partei als Avantgarde – als »Vorhut der Arbeiterklasse« – stellvertretend die Diktatur des Proletariats durchsetzen und die Revolution durchführen. Der Sinn der Eroberung der staatlichen Macht sei lediglich die Verwaltung der Produktionsmittel und die notwendige Unterdrückung der einst herrschenden Klasse. Schließlich sollte der in einer Übergangsphase noch existierende Staat die vollkommenste Form der Demokratie darstellen.
Neben der Niederschlagung des Kronstädter Aufstands der Matrosen gibt es unzählige Beispiele, die zeigen, dass staatliche Repressionen schon unter der Führung Lenins weit über den »Klassenfeind« hinausreichte. Die Befreiung des Menschen von der Knechtschaft war schon bei Marx mit der Abschaffung des bürgerlich-kapitalistischen Individuums verbunden. Mit dem Fortschreiten der kommunistischen Revolution wurde hieraus mehr und mehr die Abschaffung von Individualität, die Zerstörung des Individuums und schließlich die Entrechtung, Unterdrückung und Ermordung von Millionen Menschen im Stalinismus.
Sind damit diese Entwicklungen der Parteidiktatur und der Auflösung der Individuen in den marxschen Grundlagen vielleicht schon angelegt? Wurde Marx von seinen Nacheiferern vielleicht weder missverstanden, noch – wie man immer wieder hört – »missbraucht«?
Vor diesem Hintergrund ist es besonders problematisch, dass gerade in den letzen Jahren der Leninismus immer dann Auftrieb bekam, wenn es um die Frage einer übergreifenden politischen Bewegung ging. Linke Theoretiker wie Slavoj Žižek und Alain Badiuo wollen mit Bezug auf Lenin eine unzweideutig radikale Position einnehmen. Der provozierende, »gegen seine liberalen Verleumder« gerichtete Rekurs auf Lenin sei dem »unbedingten Willen« geschuldet die Situation auch wirklich grundlegend zu verändern. Nach den Erfahrungen des Verlaufs der Revolution muss sich jedoch zwingend die Frage gestellt werden, ob die – in Rückgriff auf Lenin – Eroberung der Macht zur radikalen Umwälzung der Verhältnisse nicht zwangsläufig zur Verewigung von Machtverhältnissen und Unterdrückung führt.

Diskussionsveranstaltung mit Diethard Behrens
Montag 11. Oktober 2010 Conne Island, Koburger Str. 3, 19:30 Uhr
Diethard Behrens ist Autor zahlreicher Publikationen zum Marxismus, Mitbegründer der Karl-Marx-Gesellschaft und Lehrbeauftragter der Johann Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt/M.

Übersicht zur Reihe „Ende des Kommunismus“

Eine Übersicht über die einzelnen Veranstaltungen unserer Reihe zur Kritik des Stalinismus

»Die Befreiung von der Knechtschaft?« mit Diethard Behrens
Montag 11. Oktober 2010, Conne Island, Koburger Str. 3, 19:30

»Herrschaft durch Terror« mit Christoph Jünke
Donnerstag 28. Oktober 2010, Veranstaltungsort: folgt noch

»Wie kapitalistisch war der Sozialismus?« mit Rüdiger Mats
Mittwoch 10. November 2010, Uni Leipzig – GWZ, Beethovenstr. 15, Raum 2.010 18:30

»Von der Revolution der Geschlechterordnung zum Mütterchen Russland« mit Bini Adamczak
Mittwoch 17. November 2010, Conne Island, Koburger Str. 3 19:30 Uhr

»Das Ende des Kommunismus« mit Alex Demirović, der Gruppe [pæris] und der Initiative gegen jeden Extremismusbegriff
Dienstag 23. November 2010, Conne Island, Koburger Str. 3 19:30 Uhr

Die Veranstaltungsreihe wird durch den Stura der Uni Leipzig und die Rosa-Luxemburg-Stiftung gefördert.